Die Jägerprüfung absolvierte ich, ohne auch nur einen einziges Mal zuvor mit auf einer Jagd oder so etwas gewesen zu sein. Lediglich das Interesse an der Natur, der Wunsch diese so intensiv wie möglich zu erleben, sowie eine traditionsbewusste Tätigkeit ausüben zu können, drängten mich dazu, einen Jagdkurs wahrzunehmen. Zum Glück, denn
das habe ich nie bereut.

Um 4.20 klingelte mein Wecker, um zunächst die für einen Ingenieursstudenten unangenehmen Dinge der Jagd zu nennen und ich quälte mich aus dem selbst gezimmerten Eichenbett, um mich für den bevorstehenden Jagdtag herzurichten. Geplant war zunächst ein morgendlicher Ansitz mit einem etwas erfahreneren Jagdfreund, der mir meine persönliche Premiere, auf einem Hochsitz sitzen zu dürfen, ermöglichte. Ich wollte zunächst erst einmal dabei sein und nahm lediglich ein altes Fernglas zum Beobachten von Wild, welches ich in unserem Keller fand und ein für diese Fälle völlig überdimensioniertes Jagdmesser, das ich damals von meinem Vater geschenkt bekommen hatte, mit.

Schon auf dem Hinweg zum Hochsitz, welcher vielleicht gerade einmal eineinhalb Kilometer betrug und sich wegen des Pirschens im Stop-and-Go jedoch äußerst in die Länge zog, erblickte mein Kumpel sämtliche Rehe, Hasen, Vögel und andere Lebewesen. Obwohl ich selbst mein komplettes bisheriges Leben auf dem Land lebte und wirklich oft Zeit in der Natur verbrachte, merkte ich schnell, dass mein Jagdkumpel und Nachbar einen geschulten jagdlichen Blick hatte, den es von nun an zu erlernen galt.
Es war stockfinster und mit meinem alten kleinen Fernglas stieß ich schnell an die Grenzen der Sichtbarkeit und musste warten bis es heller wurde. Am Hochsitz mit einer knarrenden Eingangstür angekommen, welcher aus einer recht großen Holzkanzel bestand, in der man gut zu zweit sitzen konnte, lauschten und suchten wir die umliegenden Felder nach Wild ab. Primär wollten wir an jenem Morgen dem Schwarzwild nachstellen, denn diese nahmen den saftigen Mais des örtlichen Landwirtes als ideale Nahrung und Deckung wahr. Als es dann etwas heller wurde, war auch mein Fernglas zu gebrauchen und wir entdeckten weitere Rehe. Ein Jährling (einjähriger Rehbock) lief uns von der Hinterseite des Sitzes entgegen. Es ist zwar nicht mit einem großen Umstand verbunden sich zu zweit in einem Hochsitz dieser Bauart umzudrehen, doch dies mit einer Körpergröße von über zwei Metern lautlos zu tun, ist nahezu unmöglich. Der Bock sprang ab. Doch  dann traute ich meinen eigenen Augen nicht mehr. Ein kurzer Blick aus dem vorderen Fenster… und tatsächlich. Ca. fünf bis neun schwarze Flecken im Troll, die genaue Anzahl ist für einen Anfänger in einem Moment der höchsten Aufregung schwer zu bestimmen, erschienen auf der Freifläche vor dem Maisfeld. In einem Bruchteil einer Sekunde knallte es auch schon gewaltig. Die Rotte sprengte sich. Das sagen Jäger, wenn sich die Gruppe der Wildschweine teilt, indem sich insbesondere das beschossene Stück hoch flüchtig von den anderen, ebenfalls flüchtenden Sauen, absondert. Selbst bei einem sehr guten Schuss kann es passieren, dass das Tier durch den hohen Adrenalinspiegel die gesamten Kraftreserven zusammenballt und wie in diesem Fall noch 40 Meter laufen kann. In der zweiten Reihe des Maises lag der zweiundzwanzig Kilogramm schwere Frischlingskeiler verendet im Wundbett. Folgend begann diejenige Arbeit, bei der einem um die frühe Uhrzeit auf nüchternen Magen leicht flau werden kann. Aber das sogenannte „Aufbrechen“ des erlegten Wildes gehört ebenso zum Handwerk der Jagd, wie auch das Nachkommen des Hegeauftrages, das heißt Lebensräume und die Artenvielfalt der heimischen Tierwelt zu erhalten und zu fördern.

Aktuell, 4 Jahre später, kann ich sagen, dass ich die Jagd zunehmend als eine Aufgabe oder Verpflichtung sehe, welche natürlich auch Freude bereiten darf. Hinzu kommt die große Vielfalt die mit ihr verbunden ist. Genannt sei das brauchtumsgerechte Blasen des Jagdhorns, das Erlernen einzelner Jagdstrategien, Ausbilden von handwerklichem Geschick zum Bau von Hochsitzen und Hütten und der gesellschaftliche Aspekt. Zudem werden oft interessante Bekanntschaften unter Jägern mit oft sehr individuellen Persönlichkeiten, unterschiedlichsten Kleidungen, ausgefallenen Bärten, verschiedensten Berufen und eigenen Jagdvorlieben, in verwegenen, künstlerisch eingerichteten Jagdhütten beim Feuer und einer gemeinsamen Mahlzeit geschlossen.

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